Interpretationen von Leon Gross

Von Leon Gross (Klasse 13)

Folgender Text entstand im Rahmen des Deutschunterrichts bei Isabelle Sporbert.

Alle Interpretationen sind richtig? Falsch!

„Worin liegt der Sinn dieses Gedichts? Warum soll ich das Buch lesen? Was soll mir das für die Zukunft bringen? Das brauche ich doch eh nie wieder!“ Die Diskussion um die Notwendigkeit verschiedener Inhalte der Schul- und vor allem der Gymnasialbildung scheint kein Ende zu finden. Seit Generationen diskutieren hauptsächlich die Betroffenen: die Schüler. So gibt es wohl kaum Lehrer, die noch nie „Opfer“ der unaufhörlichen Beschwerden wurden. „Wo ist der Sinn? Was soll mir das für die Zukunft bringen? Das brauche ich doch eh nie wieder!“ Diese und andere Beispiele haben sicher schon viele gehört.

Ist an diesen Fragen und Vorwürfen etwas dran? Vor allem auf dem Gebiet der Analyse literarischer Werke herrscht große Uneinigkeit, denn viele Schüler sehen sich davon geplagt und erkennen auch keinen Mehrwert darin – erst recht nicht in der Bewertung und Beurteilung dieser. Einer der bekannten und sich bekennenden Kritiker ist Hans Magnus Enzensberger, der schon 1976 mit einer Rede die Verantwortlichen in die Pflicht nahm und diese zum Überdenken der gegenwärtigen Situation bewegen wollte. Er postuliert: Jede Interpretation – und sei sie noch so abwegig – soll als richtig anerkannt werden. Doch welche Probleme das mit sich bringt, wird im Folgenden deutlich.

Es gibt laut Enzensberger „zehn verschiedene [Interpretationen], wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen.“ Und das sei auch gar nicht falsch. Denn diese zehn Personen sind alle in ihrem Charakter, ihrer Geschichte und ihren Interessen unterschiedlich und individuell. Und somit gibt es, wie Enzensberger richtig feststellt, auch eine Menge äußerer Faktoren, die jeden Einzelnen individuell beeinflussen. Das befürwortet allerdings nicht, dass alle zehn Personen den Text auch richtig interpretieren und erst recht nicht, dass diese Faktoren alle einen negativen Einfluss haben oder unkontrollierbar sind. So müsste es sich doch nach Enzensberger so verhalten, dass eine emotionale Bindung zu einem Gedicht – aufgrund der sozialen und psychischen Geschichte des Lesers – einen nicht zu erdenkenden Nachteil erbrächte, wohingegen doch das genaue Gegenteil der Fall ist: Was kann bitte Besseres passieren, als dass man ein Gedicht interpretieren muss, mit dem man sich persönlich identifizieren kann? Wohl kaum irgendetwas! Denn das führt ja lediglich dazu, dass man sich umso besser ggf. in den Autor sowie in das von ihm Geschriebene hineinversetzen kann, die Aussagen versteht und tendenziell einfacher interpretieren kann. Und selbst ein geringes Interesse, das für Enzensberger wohl zwangsläufig negativen Einfluss hat, lässt sich so zumindest auf längere Sicht in einen positiven Faktor umwandeln. Doch dazu müsste man sich ja aus seiner Komfortzone begeben… Wagt man jedoch einmal diesen Schritt und nimmt die Herausforderung an, sich mit einem Text auseinanderzusetzen, der einen kaum interessiert, kann man davon langfristig profitieren. Bekanntlich wächst man an seinen Aufgaben und sammelt gerade außerhalb der eigenen Komfortzone wichtige Erfahrungen, aus denen man nur klüger werden kann und sich so in Zukunft – gerade angesichts potentiell bevorstehender Prüfungen – erheblich leichter tut. Die von Enzensberger genannten Faktoren müssen also nicht zwangsläufig negativ sein, sondern sind sehr gut in positive Einflüsse umzuwandeln.

Enzensberger geht weiter davon aus, dass „der Leser [in unserem Fall Schüler] immer recht [habe]“ – und liegt damit im Unrecht! Denn wer ein Gedicht interpretiert, liegt mit seiner Interpretation wohl kaum automatisch richtig. Fehler zu machen, ist menschlich und Fehler zu machen, ist gut – um daraus zu lernen. Zugleich ist es jedoch ebenso fehlerhaft anzunehmen, dass es sie nicht gäbe. So hat ein Schüler mit einer abwegigen Interpretation, für die er eine schlechte Bewertung vom Lehrer bekommt, ebenso wenig „immer recht“ wie ein Fußballspieler, der zu hart in einen Zweikampf geht und dafür ein Foul gegen sich gepfiffen bekommt. Denn auch wenn der Spieler das Foul noch so vehement reklamiert und sich beschwert, macht das den Zweikampf nicht besser. Das liegt daran, dass der Schiedsrichter (in der Schule der Lehrer) gewisse Anhaltspunkte hat, anhand derer er den Sachverhalt bewertet. Gäbe es nun weder für Lehrer noch für den Schiedsrichter klare Kriterien, so kann man den Sport der Interpretation augenblicklich vergessen – der Schüler bzw. Fußballer liegt ja ohnehin im Recht, egal wie unfair und hart der Zweikampf, oder wie abwegig die Interpretation ist. Um also eine Sinnlosigkeit der Interpretation zu vermeiden, braucht es Kriterien, nach denen bewertet wird und somit braucht es auch fehlerhafte Interpretationen und falsche Interpretationen. 

Zudem darf der Bildungsauftrag der Schule und die Vorbereitung auf das spätere Leben nicht außer Acht gelassen werden. Hierfür spielt das Unterrichtsfach Deutsch eine erhebliche Rolle, denn durch Analysen und Interpretationen wird das kritische Denken und Hinterfragen stark gefördert. Vor allem sich mit Themen intensiv auseinanderzusetzen, die jemanden für gewöhnlich wenig interessieren, scheint fürs Lernen sehr gut geeignet. Man stelle sich nur vor, ein Schüler möchte seine Fähigkeiten im kritischen Denken fördern und schreibt nun Gedichtinterpretationen. Die Rückmeldung ist jetzt aber immer dieselbe: „Gut! Es war nichts falsch! Weiter so!“ oder ein ähnlicher Wortlaut. Im Prinzip also doch gar keine Rückmeldung, sondern eine Verwahrlosung der konstruktiven Kritik, mit der weder Schüler noch Lehrer zufrieden sein können. Dadurch, dass der Schüler automatisch absolut nichts falsch machen kann, kann er sich im Interpretieren von Texten und somit im kritischen Auseinandersetzen mit sämtlichen Quellen nicht verbessern und kann auch nicht aus seinen ‚richtigen und fehlerlosen Fehlern‘ lernen. Und das wäre doch schließlich gerade in diesem Zeitalter der häufigen Falschmeldungen und Manipulationen mehr als schade.

Aufgrund dessen ist es also umso wichtiger, den vorgegebenen Text richtig zu verstehen bzw. richtig verstehen zu lernen. Dazu bedarf es nun einmal dem Aufzeigen von Fehlern, um daraus zu lernen. Das bedeutet aber auch, dass man den Text, wie er gegeben ist, analysiert und eben nicht, wie Enzensbergers Idealsachverhalt es erlauben bzw. sogar begrüßen würde, „Passagen überspringt, Sätze […] missversteht, sie umwandelt, […] ausschmückt, […] Schlüsse aus dem Text zieht, von denen der Text nichts weiß“ oder Ähnliches. Denn es kann ja auch gar nicht gut sein, etwas darzustellen und zu erläutern, was eigentlich gar nicht thematisiert wurde. Wenn sich jeder ein vorgegebenes Gedicht so zusammenbastelt, wie er es zu interpretieren wünscht, dann verfehlt dies nicht nur einen Lernprozess, sondern hat eventuell rein gar nichts mehr mit dessen Aussagen zu tun. Und ist trotzdem richtig? Um dies, eine vollkommen willkürliche Behandlung eines Themas – egal, welches, das würde ja laut Enzensberger ohnehin keine Rolle mehr spielen – zu verhindern, braucht es bestimmte Kriterien und ebenso ein ‚Falsch‘ und ein ‚Richtig‘ sowie ein ‚Gut‘ und ein ‚Schlecht‘.

Abschließend bleibt zu sagen, dass in unserer aktuellen Leistungsgesellschaft Bewertungen definitiv eine Daseinsberechtigung haben und gerade das Schulsystem, wie es aktuell ist, Bewertungssysteme – ob nun in Form von Noten oder nicht – gar erfordert. Dementsprechend – und da das Leben ja auch nicht immer ein Honigschlecken ist – empfiehlt es sich, sich auch auf Dinge wie eben jene ungeliebten literarischen Analysen einzulassen, sich aus seiner Komfortzone zu begeben, über seinen Schatten zu springen und möglichst viel daraus mitzunehmen; ob das nun gute Noten sind, Erfahrungen oder kritisches Denken, das auf lange Sicht wohl die größte Notwendigkeit erfährt.